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Pfadfinder als Wirtschaftsbosse

Die Manager vom Lagerfeuer

Die Pfadfinder sind längst nicht mehr nur für Romantiker da, sondern Teil des Big Business. Viele heutige Manager trugen früher regelmäßig das symbolische Halstuch. Die Elite hat sich jetzt in München getroffen.

Von Oliver Stock
HANDELSBLATT Montag, 03. April 2006

GENF/MÜNCHEN. Sie sitzen am Feuer, schlafen im Zelt, tragen, solange es geht, kurze Hosen und immer ein Halstuch. Sie sind nach den Religionsgemeinschaften mit mehr als einer halben Milliarde aktiver und ehemaliger Mitglieder die größte Vereinigung der Welt. Und sie sind eine der erfolgreichsten Kaderschmieden für Wirtschaftsbosse: die Pfadfinder.

Bill Gates hat hier gelernt, jeden Tag eine gute Tat zu tun und darüber zu reden. Der deutsche Industrielle mit Schweizer Pass, Klaus Jacobs, zählt noch immer zu den größten Gönnern wie viele deutsche Top-Manager. Eberhard von Koerber, ehemaliges BMW- und ABB-Vorstandsmitglied, wird am Lagerfeuer „Ebbo“ gerufen und war auch schon Stiftungsratspräsident der Pfadfinder. Ex-Metro-Chef Erwin Conradi lernte bei den Pfadfindern, wie er mit Sippenführern umgehen muss. Und Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn hat in frühen Jahren bewiesen, dass Pfadfinder keine reine Männerhorde sind.

Heute ist der bekannteste Kopf der Bewegung der schwedische König Carl Gustaf. Seine Majestät sitzt an diesem Freitagmorgen auf dem dritten Stuhl von rechts am langen Tisch im Konferenzraum „Milano“ des Münchener Edelhotels Mandarin Oriental und spielt mit dem Flaschenöffner. Vor 50 Jahren hat der Mann mit dem goldenen Siegelring am kleinen Finger zum ersten Mal die kurze Hose angezogen und das Halstuch umgebunden.

Warum? „Pfadfinder vermitteln Führungsqualitäten“, sagt der König und Ehrenpräsident der Pfadfinderstiftung und tritt gleich den Beweis an: „55 Prozent der schwedischen Vorstandschefs waren Pfadfinder, aber nur fünf Prozent aller Schweden waren Mitglied.“ Dann erzählt er von Kameradschaften, die er noch heute pflegt. Seine Stimme hat beinahe etwa Schwärmerisches, wenn er dem Handelsblatt sagt: „Bei den Pfadfindern sitzt keiner auf der Ersatzbank.“

„Es ist ein Glück, dass wir den König haben“, sagt „Ebbo“ von Koerber. Abends beim Pfadfinder-Empfang von Herzog Franz von Bayern im Schloss Nymphenburg sitzt er neben Carl Gustaf. Von Koerber ist derart überzeugter Pfadfinder, dass er das Netzwerk gerne auch fürs Big Business nutzt. Als er neulich Geld in den USA investierte, suchte er einen verlässlichen Geschäftspartner und fand einen „Eagle-Scout“, einen Mann, der einst Anführer bei den Pfadfindern war. „Da wusste ich, der ist in Ordnung“, sagt von Koerber.

Der König, der Mäzen und ein gutes Dutzend andere Stifter sind am vergangenen Freitag nach München gekommen, um Geld zu sammeln. Das Kapital der Pfadfinderstiftung soll von 50 auf 100 Millionen Schweizer Franken erhöht werden. Denn die Stifter haben sich viel vorgenommen: Sie wollen in einem Land wie Deutschland, wo das Pfadfindertum ins Abseits zu geraten droht, die Organisation auf Vordermann bringen. Dabei sollen es nicht zuletzt die Managementqualitäten der Pfadfinder sein, die sie hervorkehren wollen. Die Organisation ist längst nicht mehr eine Runde nur für Romantiker, sondern hat sich zum Netzwerk für Manager aller Herren Länder gewandelt. Und damit der von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt arbeitende Elitezirkel nicht an Einfluss verliert, hat der Stiftungsrat vor zwei Jahren mit einer grundlegenden Renovierung der eigenen Struktur begonnen, als sich die Organisation nach einem neuen operativen Chef für die Pfadfinder umsehen musste.

Sie stießen auf einen Tropenarzt mit Managementprofessur. Eduardo Missoni, Spross einer Mailänder Modedynastie, steht seither als Generalsekretär an der Spitze der Bewegung. Er ist ein quirliger 51-Jähriger mit Vollbart, breitem Lachen und sechs Sprachen, die er mühelos beherrscht. Mit einer Großmutter, die ihn auf die deutsche Schule in Rom geschickt hat. Missoni ist im Auftrag seiner Majestät und der übrigen Stifter als Sanierer unterwegs – was er weniger gerne hört: „Unsere Bewegung wird von Moral getragen“, sagt er. „Erneuerer“ will er genannt werden.

Erneuert werden muss so einiges bei den „Scouts“, wie sich die Pfadfinder weltumfassend nennen. Nicht nur der blau-graue Schlingenteppich im dritten Stock des mitgenommenen Bürogebäudes an der Rue du Pré-Jérome am Rande des Zentrums von Genf, wo die Pfadfinder 1969 ihr Lager aufgeschlagen haben. Von da aus begann Missoni im April 2004 seine Mission.

Computer gibt es hier schon, eine elektronische Mitgliederdatei, unverzichtbares Instrument für jeden Netzwerker, aber noch nicht. Im Vorraum im ersten Stock, wo das blaue Wartesofa steht, liegen in einer Vitrine zwei Uhren, ein Taschenmesser, eine Krawatte, ein Seidentuch und andere Accessoires. Alle Utensilien sind mit der Lilie der Pfadfinder bedruckt. „Wir arbeiten am Rebranding“, sagt der Erneuerer und zeigt, dass er die Sprache des Sanierers doch beherrscht. Eine Züricher Designagentur hat eine Markenstrategie entwickelt. Die Generalversammlung der Pfadfinder hat sie abgesegnet.

Die Stifter haben Missoni eine Aufgabe gestellt, an der sich auch Manager von Format die Zähne ausbeißen können. Zwar gibt es geschätzte 28 Millionen aktive Pfadfinder auf der Welt. Doch dort, wo nicht die Kirche oder der Staat die Mitgliedschaft fördert, zeigt der Trend nach unten. Vor allem in den Industrieländern stehen die Kids mehr auf Gameboys als auf Gemeinschaftsspiele. In Deutschland wecken die Pfadfinder unverschuldet Erinnerungen an die Hitlerjugend, in Ostdeutschland an die FDJ. Da sich die Länderorganisationen unterschiedlich entwickeln, machen viele, was sie wollen. „Wenn wir die Einheit unserer Organisation verlieren, dann verlieren wir unsere Macht“, stellt Missoni nüchtern fest.

Darüber hinaus schlägt er sich mit einem anderen Problem herum: Die Pfadfinder brauchen Geld. Nur knapp sieben Millionen Euro stehen den 120 hauptamtlichen Pfadfindern der Zentrale derzeit pro Jahr zur Verfügung. „Damit“, sagt Missoni und hebt die Hand zum Pfadfinderschwur, indem er die Mittelfinger in die Luft streckt, während sich Daumen und kleiner Finger berühren, „damit können wir nicht die Aufgabe erfüllen, die Welt zu verbessern.“

Vor drei Jahren lag das Generalsekretariat in Genf am Boden. Wichtige Pfadfindernationen wie die Amerikaner drohten ihre Beitragszahlungen in die Schweiz einzustellen. Die Stifter mussten handeln. Im obersten Gremium, das derzeit vom kalifornischen Eiscrememillionär William Cronk geleitet wird, sitzen neben dem König und Mäzenen wie von Koerber noch andere, die etwas zu sagen haben und 10 000 Dollar Eintrittsgeld zahlen. Im Mitgliederverzeichnis stehen Topleute wie Lindt & Sprüngli-Chef Ernst Tanner sowie Rohstoffhändler und Glencore-Chef Willy Strothotte. Wer eine Million Dollar einzahlt, erhält außerdem einen Orden vom König

Als die Pfadfinder also zu sehr zu verstauben drohten, machten die Stifter, was sie in ihren Unternehmen auch tun: Sie fragten McKinsey um Rat. Berater durchleuchteten die Organisation. Ihre vernichtende Analyse: Die Organisation in Genf sei „resistent gegenüber Neuem“, „passiv“ und „überaltert“.

Die Stifter schalteten einen Headhunter ein. Seine Aufgabe galt in der Branche als Herausforderung. In mehr als 150 Ländern musste er nach Kandidaten suchen. Bewerbungen bekam er zuhauf. Ein US-Admiral war genauso darunter wie der Ministerpräsident eines europäischen Landes. Aus den Bewerbungen filterte der Headhunter neun heraus und lud die Bewerber zum zweitägigen Auswahlverfahren nach Genf ein. Missoni schlug sich am besten. „Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt“, sagt er heute.

„Dumbo“ haben sie ihn früher bei den Pfadfindern in Rom genannt. „Ich glaubte schon damals, dass Elefanten fliegen können, wenn sie es wirklich wollen“, sagt Missoni. Sein Anführer war ein Medizinstudent, Missoni wurde Arzt, ging nach Nicaragua, später fürs Kinderhilfswerk Unicef nach Mexiko. Zurückgekehrt nach Italien, landete er im Außenministerium, kümmerte sich um Gesundheitsprogramme in Lateinamerika und Afrika. „Ich habe 16 Jahre gegen die Bürokratie gekämpft“, sagt Missoni.

Seit 2003 kümmert er sich vor allem um eines: Er will die Scouts nach dem Vorbild eines Unternehmens zu einer einheitlichen Organisation formen, die nicht zuletzt ihren Mitgliedern das vermittelt, was schon dem König gefallen hat – Führungskompetenz.

Sei dabei, bring dich ein, gehe verantwortlich mit dir selbst und deinen Gefährten um, heißen die Werte, die Pfadfinder-Gründer Robert Baden-Powell formulierte, als er 1907 mit 20 Burschen an der Südküste Englands das erste Lager aufschlug. „Loyalität, Vertrauen, Verantwortung sind Werte, die Manager mitbringen müssen“, meint Missoni und bricht regelmäßig auf zu Vortragsreisen über den Zusammenhang zwischen Pfadfinder- und Managerlehre.

Den eigenen Mitarbeiterstab hat er erfolgreich vernetzt und auch namhafte Gönner gefunden. Der Luxushersteller Bulgari hat eine silberne Medaille mit Emailleaufdruck kreiert, die zum Beispiel dem saudischen König – auch ein alter Pfadfinder – als Gastgeschenk überreicht wird. Weltbankpräsident James Wolfensohn hat bereits so ein Stück in seiner Souvenirsammlung.

Zum Schwur kommt es nächstes Jahr. Dann feiern die Pfadfinder ihren 100. Geburtstag im britischen Hyland Park. 40 000 Teilnehmer werden erwartet. „Jeder aktive und ehemalige Scout soll sich angesprochen fühlen“, sagt Missoni, womit zum Beispiel auch Jacques Chirac, Hillary Clinton und Königin Elizabeth II. von England aufhorchen müssten.

Dass die Majestäten und Staatsoberhäupter dann ihr Halstuch umknüpfen und in die kurzen Hosen springen, ist eher unwahrscheinlich. Wer den stilsicheren Italiener Missoni kennt, kann aber darauf vertrauen, dass ihm auch für dieses Problem eine Lösung einfallen wird.

 

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